Interview mit Walter Pobaschnig

Aktualisiert: März 10

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„Kunst muss nicht perfekt sein, darf fragen, ohne eine Antwort zu finden“

Daniela Prokopetz, Künstlerin _ Wien_13.12.2020

Veröffentlicht am 13. Dezember 2020

Liebe Daniela, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus? Ich möchte ehrlich sein. Also ich wünschte, ich könnte jetzt einfach schreiben, dass ich ganz viel Zeit habe für Dinge, für die ich sonst keine Zeit finde. Die Wahrheit ist anders, aber ich finde, sie sollte gesagt werden.














Daniela Prokopetz_Künstlerin


Jetzt im Lockdown (wir sind aufgrund der Arbeit meines Mannes gerade längere Zeit in Bulgarien) ist meine Tochter den ganzen Tag bei mir und ich jongliere zwischen Mamasein, Haushaltsführung, Emails, Projekten, Ausstellungsorganisation und – planung, an Bildern arbeiten, Social Networking usw… Den Abend nütze ich komplett für die Arbeit. Ich weiß gar nicht, wann ich das letzte Mal einen Film gesehen habe. Ich habe einfach gelernt, sehr effektiv zu arbeiten.

















Untitled 01: Ohne Titel. 89 x 62 cm, Mischtechnik/ Papier und Acryl mit handbemaltem Rahmen, 2020

Immerhin muss ich sagen – dieser Lockdown trifft mich nicht so wie der erste. Da war ich enttäuscht wegen Projekten, die ins Wasser gefallen sind und abgesagten Ausstellungen. Jetzt habe ich mich gewissermaßen mit der Situation arrangiert und versuche, die Vorteile darin zu sehen. Man darf gar nicht erst daran denken, wie es anderen Menschen in dieser Situation geht und wie sehr Menschen, die im Pflege- und Gesundheitswesen arbeiten, belastet sind. Ich durfte bisher sehr viel Zeit (auch unabhängig von Corona) mit meiner Tochter verbringen und ihr meine Werte vorleben und sehe auch, dass sie vielen Dingen im Alltag und der Natur wertschätzend gegenüber steht. Dafür bin ich sehr dankbar.














Untitled 02: Ohne Titel, Mischtechik/ Papier, Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen 83,5 x 49,5, 2020


Jetzt versuche ich andere Wege zu finden, Projekte zu organisieren und mit Leuten in Kontakt zu treten. Meine Kollegin Karin Czermak und ich haben das Projekt „@art_greencube“ auf Instagram ins Leben gerufen, wo wir künstlerische Positionen in alternativen Präsentationsräumen außerhalb des Galerie- und Ausstellungsraumes zeigen. Begonnen hat es aus der eigenen Not heraus, die Arbeiten nicht mehr im Ausstellungsbetrieb zeigen zu können. Und demnächst wird es ein tolles Projekt gemeinsam geben, das Künstlerinnen weltweit virtuell zusammenführt.












Untitled 03, Ohne Titel. Mischtechik/ Papier, Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen 74 x 54 cm, 2020 Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig? Toleranz und Solidarität. Ich finde es toll, dass bisher einige Projekte ins Leben gerufen wurden, die Künstlerinnen und Künstler unterstützt und ihnen Wertschätzung entgegenbringt – wie dieses hier, das es vielleicht sonst gar nicht gäbe! Danke dafür! (Anm: Ich danke für das Interesse!)













Untitled 04: winter series/Ohne Titel

Mischtechnik/ Acryl und Buntstift mit handbemaltem Rahmen

19,5 x 14,5 cm, 2020


Vor einem Aufbruch werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Kunst an sich zu? Die Kunst ist ein Spiegel der Gesellschaft. Sie lässt sich nicht vertreiben, wegdenken – auch wenn man sie noch so klein hält. Kunst muss nicht perfekt sein, sie muss keiner Theorie entsprechen oder etwas beweisen können – ohne eine Lösung parat zu haben. Sie darf angreifbar sein und fragen, ohne eine Antwort zu finden.. Kunst ist eine Ausdrucksform, es gibt sie, seit es den Menschen gibt und sie wird es auch immer geben. Es sollte Raum sein für die individuelle Entwicklung, für Fehler und Schwächen, für die unscheinbaren Schönheiten im Alltag und Leben, zum Beispiel für zarte, aber wunderschöne Farbabstufungen. Für einfache Materialien und Natur. Vielleicht beeinflusst mich auch das Leben hier in Bulgarien in meiner künstlerischen Arbeit und Lebensanschauung sehr. Das ist hier jetzt nur ein Aspekt – aber den Menschen hier ist es oft wurscht wie es beim Nachbarn im Vorgarten ausschaut und wenn alles nicht ganz so perfekt ist, ists auch ok, dann hat man mehr Zeit für entspannte Dinge.. Der andere wird nicht verpfiffen und alte bröckelige Hausmauern können auch eine gewisse Schönheit ausstrahlen. Das ist jetzt natürlich auch ein Klischee, aber ich muss ja hier keine mathematische Theorie aufstellen. ;) Der Perfektionismus betrifft mich in gewisser Weise selbst und meine eigene Kunst scheint so ein Ventil zu sein, mir Ausdruck verschaffen zu können und meine Lebensanschauung sichtbar zu machen. Wenn der Konsum plötzlich weg bleibt, wird das kreative Potential im Menschen vielleicht wieder mehr Ausdruck finden und wir zu einem individuelleren Leben finden – das kann schon bei den eigenen vier Wänden oder im Garten anfangen.












Anonymous paper object, Malereien, Kinderzeichnungen (Acryl und Aquarell) ca. 15 cm, 2020


Was liest Du derzeit? Ich setze mich derzeit sehr mit Wabi-Sabi auseinander, einem Schönheitsprinzip in der japanischen Ästhetik. Es ist ein Gegenkonzept zur reproduzierbaren Hochglanzästhetik, dem Kommerz und der Technologie. Dinge haben demnach höheren Wert, je älter sie sind und je länger sie in Gebrauch sind. Nehmen wir das Symbol der Kirschblüte, die nur ganz kurz und zu einer bestimmten Zeit blüht – diesen Moment wollen wir mit unserem westlichen Denken konservieren und festhalten und auch wenn er schon vorbei ist, wollen wir wieder dorthin.. Wabi-Sabi fragt – was war davor und danach? Diese Zeitspanne ist doch viel länger. Corona bringt uns die Sterblichkeit und Verwundbarkeit des Menschen wieder näher vor Augen. Ich würde mir auch wünschen, dass wir irgendwann einmal sagen würden anstatt – „So alt bin ich schon!“ – „So alt habe ich werden dürfen, so viele Erfahrungen habe ich sammeln dürfen.“ Dass eine gewisse Freunde und Zufriedenheit aufkommt, gesund und gelassen sein zu dürfen und voller Ehrfurcht und besonderer Schönheit, die Risse an der Mauer zu betrachten und das malerische Moos, das sich über Jahre wie ein Kunstwerk an der Hausmauer gebildet hat. Der gesamte Kapitalismus baut nur darauf auf, uns unzufrieden und unglücklich zu sehen. Ist das nicht absurd? Ich lese meiner Tochter zur Zeit immer wieder das Buch „Dancing through the fields of Color. The story of Helen Frankenthaler“ vor. Wir beide lieben dieses Buch und Helen Frankenthaler ist für mich so eine Ikone des freien Ausdrucks, zu welchem wir alle auf unsere Wege und Weisen wiederfinden sollten.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben? „Was die Hirnforscher dann, beispielsweise mittels funktioneller Kernspintomografe, im Gehirn eines spielenden Menschen messen können, ist eine Verringerung des Sauerstoffverbrauchs aufgrund einer verminderten Aktivität der Nervenzellenverbände im Bereich der Amygdala. Das ist diejenige Hirnregion, die immer dann besonders aktiv wird, wenn wir Angst haben. Im Spiel verlieren wir also unsere Angst. (…) Wenn wir wirklich spielen, erleben wir auch keinen Druck und keinen Zwang mehr, und wenn es nichts mehr gibt, was uns bedrängt, verschwindet auch die Angst.“ (Gerald Hüther, Christoph Quarch: Rettet das Spiel! Weil Leben mehr als funktionieren ist. 3. Auflage, 2018, Carl Hanser Verlag, München, S.20-21) Und weil ich mich nicht entscheiden kann, gibt es einfach noch eines: „Alle Dinge einschließlich des Universums selbst befinden sich in einem ununterbrochenen, niemals endenden Zustand des Werdens und Vergehens. (…) Aber wann erreicht etwas seine schicksalshafte Erfüllung? Ist die Pflanze dann vollständig, wenn sie blüht? Wenn sie Samen trägt? Wenn die Samen keimen? Wenn alles zu Dünger wird?“ (Leonhard Koren, Matthias Dietz (Hsg.): Wabi-Sabi für Künstler, Architekten und Designer. Japans Philosophie der Bescheidenheit, Wasmuth Verlag, Tübingen, 9. Auflage 2017, S.47-48)



















Daniela Prokopetz_Künstlerin Vielen Dank für das Interview liebe Daniela, viel Freude und Erfolg für Deine großartigen Kunstprojekte und persönlich in diesen Tagen alles Gute!

5 Fragen an KünstlerInnen: Daniela Prokopetz, Künstlerin Daniela Prokopetz Alle Fotos_Porträt/Bilder _ Daniela Prokopetz. Layout: Walter Pobaschnig

8.12.2020_Interview_Walter Pobaschnig. Das Interview wurde online geführt. https://literaturoutdoors.com

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